Der Ort an dem Frieden herrscht

Der Muff der alte Gaststätte im 1300-Seelen Dorf Zusamaltheim hängt noch immer in der Luft. Aus den früheren Gästezimmern recken sich neugierige Kindergesichter. Kastanienfarbige Schulbänke säumen das einzige Gemeinschaftszimmer, in dem Khalid und Ahmad lässig auf einer Eckbank diskutieren. Vor der babyblauen Wand mit der Blumendekoration wirken die Afghanen noch braun-gebrannter, noch fremder. Ab und zu fällt das Wort Karsai. Die Männer schütteln sarkastisch den Kopf und lachen. Ein Lachen, das hilft gegen das unerträgliche Warten auf den Asylbescheid.

Khalid und Ahmed sind zwei von knapp sechzigtausend Asylbewerbern, die dieses Jahr Deutschland erreichten. Medien und Politiker berichten in Alarmbereitschaft, die Zahl der Flüchtlinge sei so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Vor allem Flüchtlinge aus Serbien treiben die derzeitigen Asylbewerberzahlen in die Höhe. In diesem Jahr bekam kein einziger Bewerber von ihnen den gewünschten Asylstatus. Das Innenministerium möchte die Flut an aussichtslosen Antragsteller so schnell wie möglich „abarbeiten“, um Platz zu machen für diejenigen, die wirklich Hilfe brauchen. Zum Beispiel für Afghanen, die seit rund drei Jahrzehnten vor Krieg, Armut und Verfolgung fliehen.

So wie Khalid. Als sein Vater umgebracht wird und der Familie das Geld fehlt um Lebensmittel zu kaufen, beschließt der heute 22-Jährige zu fliehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben „irgendwo in Europa“. Mit einer achtmonatigen Haft in einem iranischen Gefängnis beginnt ein ganzer Flüchtlingscamp-Marathon über die Türkei, Griechenland und Italien. „Ich weiß oft nicht mal, wo wir waren, die Schlepper fuhren nur nachts“, beschreibt er und schaut auf den Boden als könnte er dort die verlorenen Erinnerungsfetzen der letzten fünf Jahre finden. „Das Schlimmste war die Angst: Menschen starben oder wurden zurück geschickt.“

„Von einem funktionierenden Asylsystem kann nicht die Rede sein“

In der Regel sind nach dem sogenannten Dublin-Verfahren Länder, in denen ein Flüchtling das erste Mal europäischen Boden betritt, für dessen Asylantrag zuständig. Günstig für Deutschland. Inmitten von Dublin-Staaten konnte die Bundesrepublik so in der Vergangenheit rund ein Fünftel der Asylbewerber abschieben; hauptsächlich in Länder wie Griechenland, Polen oder Italien. Dem stellvertretenden  Geschäftsführer von Pro Asyl, Bernd Mesovic, fällt es schwer in „diesem Trümmerhaufen einen Kern einer gemeinsamen EU-Politik zu sehen“. Vor allem in Griechenland, für viele das „Tor zu Europa“, würden die Flüchtlinge menschenwidrige Umstände erwarten: Inhaftierungen bis zu 12 Monaten, Mangel an Nahrung und frischem Wasser, überfüllte Lager und rassistische Angriffe. „Von einem funktionierenden Asylsystem kann nicht die Rede sein“. Seit 2011 verhängt das Innenministerium deshalb einen Abschiebestopp nach Griechenland, das mit geschätzten 500.000 Flüchtlingen deutlich überfordert ist.

Ohne den Abschiebestopp hätte auch Khalid zurück gemusst. Doch der damals 17-Jährige hatte Glück: In einem Auffanglager verliebt er sich in seine Zimmernachbarin. Gemeinsam mit ihrer Familie kann er über Österreich bis nach Deutschland fliehen. Doch auch hier wollen Grenzbeamte ihn von seiner Verlobten trennen und zurück schicken. An diesem Punkt der Geschichte zieht sich das erste Mal ein spitzbübisches Lächeln über Khalids markantes Gesicht: „Sie ist oben“ sagt er stolz.

Zu sechst wohnt Khalid mit seiner Verlobten, ihren Geschwistern und Eltern in einem Zimmer, das gerade einmal so groß ist wie der persische Gebetsteppich. Drei Stockbetten stehen in einer Nische. Khalid steigt vorsichtig über die in Plastiktüten gefüllten Lebensmittel, die über den ganzen Boden verteilt sind. „Es ist schön, aber eng“, sagt seine Schwiegermutter höflich lächelnd. Doch die Enge ist nicht das einzige, was den Bewohnern zu schaffen macht.

Khalid beschreibt einen vom Warten geprägten Tagesablauf in dem Essen und Schlafen die Hauptattraktionen spielen „und Deutsch lernen“. Der Sprecher des Heims, Ahmad, ist für seine Landsmänner oft der einzige Zugang zu einer Sprache, die ihnen so fremd ist wie die Volksfeste im Dorf. Als Übersetzer hatte er schon in Afghanistan gearbeitet. Allerdings für die falsche Seite.

„Ich wollte meinem Land helfen“, erklärt der 32-Jährige, der jahrelang für die ISAF Truppen übersetzte. „Als das Geheimnis herauskam war mein Leben in Gefahr“, sagt er leise, flüstert fast, als wolle er nicht gehört werden. Nachdem er knapp einen Bauchschuss überlebt, beschließt er nach Deutschland zu fliehen. In das Land, das sein Onkel, der zu dem Zeitpunkt schon in München lebt, immer schwärmend beschrieb als „der Ort, an dem Frieden herrscht“.

Khalid hört Ahmad aufmerksam zu. Die Männer kennen ihre Geschichten kaum. Die Bewohner sprechen nicht über die Vergangenheit, sie sprechen über die Zukunft. Zum Beispiel über Khalids Pläne seine Verlobte zu heiraten oder von dem Tag an dem das langersehnte Dokument endlich im  Briefkasten liegt. Für Ahmad war es am 17. Dezember so weit. Über Karsai, Krieg und Krisen kann er seit dem sogar lachen. Sein Zuhause ist jetzt das Land „in dem Frieden herrscht“.

 

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