Amerikanischer Albtraum

Tausende Menschen schieben sich aus Honduras durch Mexiko in einer langen Karawane Richtung Vereinigte Staaten. Doch Donald Trumps Drohung zeigt bei den ersten Flüchtlingen Wirkung.

Erschien am 12.11.2018 in faz.net

Auf der Tartanbahn, wo sonst Athleten sprinten, sammelt sich eine Menschentraube. Ein Mann mit Megafon begrüßt die Ankommenden. Sie tragen Flaggen und Schilder, um einander wiederzufinden. Fast einen Monat sind sie schon gemeinsam auf dem Weg in die Vereinigten Staaten. Hubschrauber fliegen so tief über das Sportstadion im Norden von Mexiko-Stadt, dass sie fast die Palmen streifen könnten. Bachata-Musik schallt aus Lautsprecherboxen. An den Geländern der Tribüne hängt frisch gewaschene Wäsche.

Für die Geflüchteten scheint Mexiko-Stadt wie eine Verschnaufpause zu sein. Mehr als 7000 Personen haben sich seit Anfang Oktober der Migrations-Karawane angeschlossen. Sie kommen aus Guatemala, Honduras und El Salvador. Ihr gemeinsames Ziel ist es, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Der nächstgelegene Grenzübergang liegt gut tausend Kilometer entfernt.

Die Ankommenden ruhen sich in einem Sportstadion in Mexiko Stadt aus

Die Ankommenden ruhen sich in einem Sportstadion in Mexiko Stadt aus. ©Felie Zernack

„Ich kenne den Weg schon”, sagt Alexander Gonzales Herrarte und räuspert sich. Seit er auf der Reise ist, sei er erkältet, so wie viele andere auch. Er ist auf dem Weg zu seiner Mutter, erklärt der 17 Jahre alte Junge auf der Tribüne des Sportstadions. Sie floh, als er sechs Monate alt war, um in den Vereinigten Staaten Arbeit in einem Restaurant zu finden. Zehn Jahre sei es nun her, dass er sie das letzte Mal gesehen habe.

Damals, so erinnert sich Alexander, durchquerten sie gemeinsam Mexiko und Texas. Endlich in den Vereinigten Staaten angekommen habe er saubere Straßen gesehen, sich sicher gefühlt. Nach drei Monaten sei er aber abgeschoben worden. Die Mutter, mittlerweile in den Vereinigten Staaten verheiratet, sei geblieben. Seitdem wisse er, dass er wieder in die Vereinigten Staaten gelangen wolle, sagt Alexander, egal ob mit Visum oder „mojado”, zu deutsch: nass, also durch den Fluss, als illegaler Migrant.

Anfang Oktober fällen in der honduranischen Stadt San Pedro Sula gut 500 Menschen eine ähnliche Entscheidung. Fernsehbilder zeigen, wie die immer weiter wachsende Gruppe die Grenze zu Guatemala durchbricht. Es sind jene Bilder, die Alexander zu einer schnellen Entscheidung bewegen. Er packt seinen Rucksack und sitzt wenige Stunden später im Bus Richtung „Puente“, der guatemaltekisch-mexikanischen Grenze.

"Ich habe keine Hoffnung mehr in Guatemala"

“Ich habe keine Hoffnung mehr in Guatemala” ©Felie Zernack

„Ich habe keine Hoffnung mehr in Guatemala“, sagt Alexander. Dort habe er seine Freundin zurückgelassen, für die der Weg zu gefährlich gewesen sei. Er trägt eine kleine Bibel in der einen Hosentasche, sein Smartphone in der anderen. Täglich textet er mit seiner Mutter. „Ich warte hier auf dich. Pass auf dich auf“, schreibt sie per Whatsapp. Es gebe viele Kinder und Jugendliche, die zu ihren Familienangehörigen in die Vereinigten Staaten wollten. „Alle hier haben Träume. Wir wollen auch etwas erreichen.“ Zweimal habe er in seiner Heimatstadt nur knapp einen Überfall überlebt: „Ich will in einem Land leben, in dem Gesetze respektiert werden, wo ich sicher bin.“

Die Migranten fliehen vor Gewalt und Bandenkriminalität. Glaubt man einer Umfrage der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die den Marsch seit Beginn begleitet, suchen 80 Prozent der Befragten der Karawane ein besseres Leben. Sie suchen ihren amerikanischen Traum. Stattdessen erwarte sie an der Grenze eines der restriktivsten Asylverfahren der Welt, sagt Atenas Burrola von der Organisation „Pueblos Sin Fronteras“ (Menschen ohne Grenzen). Die Flucht vor Armut und Gewalt allein sei nicht ausreichend, um einen Schutzstatus zu bekommen. Im temporären Flüchtlingscamp informiert die Amerikanerin die Ankommenden über das, was passieren kann, wenn sie an der vermeintlichen Endstation ihrer Reise angelangten. Die Wenigsten kennen das amerikanische Asylverfahren.

Die Hälfte der Karawane entschließt sich, in Mexiko zu bleiben.

Die Hälfte der Karawane entschließt sich, in Mexiko zu bleiben. ©Felie Zernac

Das Thema sei in den Vereinigten Staaten überpolitisiert, sagt Burolla. In Wirklichkeit sei die Karawane nur ein „Tropfen“. Allein im September hätten mehr als 50.000 Geflüchtete die Grenze zu den Vereinigten Staaten erreicht. Mit dem Megafon auf dem Weg zu einer Informationsveranstaltung sagt Burolla: „Das Ausmaß der Migrationswelle ist nicht neu. Der Unterschied ist, dass sich dieses Mal die Geflüchteten zusammengetan haben, und das ängstigt die Leute in den Vereinigten Staaten.“ Amerikas Präsident Donald Trump spricht sogar von einer „Invasion“. Am 9. November unterzeichnete er ein Dekret, nach dem illegal über die Grenze von Mexiko in die Vereinigten Staaten eingereiste Geflüchtete kein Asyl mehr erhalten dürfen.

Das zeigt in Mexiko-Stadt bereits Wirkung. Mehr als 3000 Mittelamerikaner hätten um Asyl in Mexiko gebeten, teilte das dortige Innenministerium mit. Mit den vorübergehenden Papieren dürfen die Menschen sofort arbeiten. Es ist die abgespeckte Version eines Traums von Sicherheit und Wohlstand. Viele Geflüchtete seien müde, sagt Alexander und schätzt, dass etwa die Hälfte seiner Gruppe in Mexiko bleiben werde.

Fast täglich hat Alexander Kontakt zu seiner Mutter in den USA

Fast täglich hat Alexander Kontakt zu seiner Mutter in den USA ©Felie Zernack

Alexander will jedoch an seinen Plänen festhalten: „Ich bin mit der Karawane losgegangen und gehe mit ihr weiter. Das ist eine Familie geworden.“ Sobald alle Gruppen der Karawane in Mexiko-Stadt angekommen wären, würden sie entscheiden, wie es weitergehe. Jeden Abend träfen sie sich zu einer großen Versammlung, erzählt Alexander und zwirbelt an seinem rosa Armband, das eine fünfstellige Registrierungsnummer trägt. „Nur weil wir so viele sind, werden wir es schaffen, die Grenze zu durchbrechen“, ist er sich sicher. Und was ihn an der Grenze erwarte, könne nicht schlimmer sein als das, was tagtäglich in seinem Land passiere. „In Amerika dürfen sie uns zumindest nicht töten.“

Beim Abschied glaubt Alexander, dass es noch zwei Wochen dauern könnte, bis er in Sicherheit wäre. Und bei seiner Mutter. „Ich will mit ihr sprechen, von Angesicht zu Angesicht, und endlich wissen, warum sie mich alleine ließ. Warum sie damals in die Vereinigten Staaten wollte.“ Inzwischen hat sich der Plan der Gruppe geändert. Alexander und die anderen haben sich dazu entschlossen, nach Tijuana weiter zu ziehen. Der westlichste Grenzübergang zu den Vereinigten Staaten ist 2800 Kilometer weit entfernt. Was sie dort erwartet, ist offen.